Wanderfahrt ins Blaue am 8. Oktober 2011

Mit dem Team Maisack - Scheffold

Es schien eine Fahrt ins Graue zu werden, als die Wanderfreunde mit dem trotz des Risikos einer Fahrt mit unbekanntem Ziel nahezu voll besetzten Bus los fuhren. In Bad Münster am Stein starteten die Wanderer zu einer Tour auf den Rotenfels, mit 202 Metern Wandhöhe und 1200 Metern Länge die größte Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien, die kaum jemand kennt. Das Felsmassiv aus rötlichem Rhyolith, einem Porphyr-Gestein, bietet von der alten Bahntrasse an der Nahe aus einen majestätischen, gewaltigen Anblick. Das zinnenbewehrte Rondell der Bastei sitzt drohend auf der steilsten Felsnase. Bei Norheim führt die Route über den Fluss und durch die Weinberge gleichmäßig bergan. Ein Hauch von Herbst lag über der Landschaft, über den Wingerten. Schwer hingen die Trauben an den Stöcken. Und mancher konnte sich nicht verkneifen, von den köstlichen Beeren zu probieren. Im Wald auf der Höhe wachsen Eichen und Esskastanien. Unter den Stiefeln der Wanderer barsten die bei Säuen so beliebten Früchte.
Endlich, der Blick von der Bastei auf einen grässlich zerfressenen steinernen Vordergrund. Dahinter liegt friedlich liegt das Land zu Füßen des Wanderers. Wie Spielzeug wirkt die wuchtige Anlage der Ebernburg, geradezu zierlich der Felszacken mit den traurigen Resten der Burg Rheingrafenstein. Nach Westen dehnen sich die Hügel, Weinberge und Wälder um das Nahetal, am Horizont der 29 m hohe Heimberg-Turm aus heimischer Douglasie. Eine grandiose Aussicht!
Nach der Mittagspause im Gasthaus „Zur Bastei“ - die weniger Geübten waren mit dem Bus herauf gekommen – und einer geruhsamen Fahrt durch enge, winklige Weindörfer und über schmale, bucklige Landstraßen war ein Besuch des wunderhübschen Städtchens Meisenheim am Glan angesagt. Ein ruhiger, älterer und höchst kompetenter Herr und eine temperamentvolle, schlagfertige und geschichtsbegeisterte Dame führten die Gäste von der Bergstraße durch die Straßen und die Geschichte der vermutlich im 7. Jahrhundert von einem Franken namens Meiso gegründeten Siedlung. 1154 wird „Meysinheim“ (Heim des Meiso) erstmals schriftlich erwähnt. Es hat erstaunlich viel von seiner mittelalterlichen Bausubstanz bewahrt. Ist es doch als einzige der vormals pfälzischen Städte von Kriegen und größeren Katastrophen verschont geblieben ist. Die Grafen von Veldenz verlegten ihren Hauptsitz hierher und erhielten 1315 von König Ludwig dem Bayern die Stadtrechte für ihre Residenz. Hundertdreißig Jahre später traten die Herzöge von Pfalz-Zweibrücken, eine Seitenlinie der Wittelsbacher, das Erbe der Veldenzer an und damit begann die Blütezeit Meisenheims: Residenz, Nebenresidenz und Witwensitz des Herzogtums. Im 16. Jahrhundert gab es sogar eine Münzprägestätte, deren Erzeugnisse, Doppeltaler, Taler und Halbtaler ob ihrer Qualität berühmt waren. Trotzdem, insbesondere die Unterstadt behielt ihr bäuerliches Gepräge. Der städtische Hirt trieb morgens das Vieh hinaus vor die Tore und abends fand jedes Tier den heimischen Stall. Innerhalb der Stadtmauer wurde ein tausend Quadratmeter großes Gelände als Weide frei gehalten, um in Notzeiten das Vieh wenigsten kurzzeitig ernähren zu können – heute ein wunderschöner Bauerngarten. Der Scharfrichter hackte Dieben die Hand und Meineidigen die Finger ab und stellte Betrüger an den Pranger. Zur Überwachung der Brunnen wurden Brunnenmeister bestellt, eine umfangreiche Brunnenordnung erlassen und bis heute wird ein jährliches Brunnenfest gefeiert. Der Schreiner Schmidt stellte Türen her, die heute noch sichtbar sind und Schmidt-Türen genannt werden. Anfang 1797 trat der Räuber Schinderhannes in Meisenheim auf. Er stieg nachts bei einem Gerbermeister ein und stahl einen Teil der Ledervorräte, die er angeblich am nächsten Tag dem Gerber wieder verkaufte. Herrliche Fachwerkhäuser aus jenen Tagen zieren heute insbesondere die Unterstadt.
Auch um die erhaltenen Adelshöfe der Oberstadt ranken sich viele alte Geschichten. So hat Pfalzgraf Friedrich Ludwig von Zweibrücken-Landsberg um 1672 nach dem Tod seiner Frau die Bürgerliche Anna Marie Elisabeth Hepp geheiratet. Obwohl selbstverständlich von der Erbfolge ausgeschlossen, schenkte sie ihm 5 Kinder, überlebte ihn um 40 Jahre  und hat zeitlebens mit „Hepp“ unterschrieben. Eine stolze Frau!
Die evangelische Schlosskirche, eine spätgotische, dreischiffige Hallenkirche mit einem außergewöhnlich reich verzierten Westturm, wurde um 1500 von Herzog Ludwig dem Schwarzen von Pfalz-Zweibrücken errichtet. Herrlich das Rippengewölbe und die hölzerne Rokoko-Kanzel! Herrlich auch die Orgel aus dem 18. Jahrhundert, gebaut im Hause Stumm. In der Grabkapelle finden sich 44 Grabmäler des Hauses Pfalz-Zweibrücken. Hier liegen mehr Wittelsbacher begraben, als in München.
Ein echter Nahe-Winzer kredenzte zur Schlussrast eine Probe aus seinem Keller. Damit ging eine Fahrt ins Blaue zu Ende, die ihren Namen verdient, mit einem ausgewogenen Programm für Kenner, perfekt balanciert, vergleichbar einem Cabernet Sauvignon „Barrique“.

Der Vorsitzende und Wanderführer bedankte sich bei den Mitgliedern seines Teams und erinnerte an den nächsten Wandertermin mit Antonie und Eugen Stadler am 22. Oktober.